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Anne-Sophie Mutter Träumt im LEBEN der ZEIT
Violinkonzert in d-Dur Op. 35 Korngold / Peter I. Tschaikowsky / Anne-Sophie Mutter /Andre Previn
© Deutsche Grammophon

Ich habe einen Traum

 

Anne-Sophie Mutter wurde 1963 im badischen Rheinfelden geboren. Ihre Karriere als Violinistin begann sie mit 13 Jahren bei den Salzburger Pfingstfestspielen unter der Leitung von Herbert von Karajan. Anne-Sophie Mutter wurde mit dem Deutschen Schallplattenpreis und dem Grammy, dem bedeutendsten amerikanischen Musikpreis, ausgezeichnet – und für ihr soziales Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz. Hier träumt sie von einem Konzert auf dem Mond

 

Musik ist nichts Reales. Vielmehr ist sie eine Klangvorstellung, die immer wieder neu aufersteht. Wenn ich Violine spiele, arbeite ich an Musik wie an einer Skulptur, die niemals fertig wird. Im Grunde ist Musik wie Nebel, der nach dem Konzert verflogen ist. Bestenfalls bleibt sie in unserem Kopf und beseelt die Fantasie. Da ist nichts Greifbares, nichts Messbares. Sie ist zwar auf dem Papier festgehalten; aber die Seele der Musik, die Spannung, die Empfindungen und die Emotionen, die sie auslöst: All das steht nicht auf dem Papier. Deshalb ist Musik wie ein Traum, eine Verbindung zu unserer Spiritualität – versinnbildlicht etwa durch die sich beinahe berührenden Finger Gottes und Adams in der Sixtinischen Kapelle.

 

Hinter eine Klangfarbe blicken zu können, die millionenfache Vielfalt der Modulation von Musik zu erfahren, immer neue, immer andere Register von Musik kennen zu lernen, also nicht stehen zu bleiben bei dem, was man erfuhr, gehört mit zu diesem Traum. Noch immer ist mein Kaleidoskop viel zu klein. Ich bin immer auf der Suche nach neuen, zeitgenössischen Komponisten, die mir zeigen, welch neue Architektur Musik noch haben kann. Der Gedanke, dass mir irgendwann die Kraft, Muße oder Neugierde fehlt, meiner Violine neuartige Töne zu entlocken, graust mich. Ich möchte mein ästhetisches Geschmacksspektrum weiter entwickeln. Ich möchte niemals stehen bleiben in meiner Kreativität und meinem Mut zu Neuem. Stagnation wäre das Ende. Wer all seine Ziele erreicht, hat sie zu niedrig gesetzt. Ich möchte möglichst viel in kurzer Zeit aufnehmen und verarbeiten, um wenigstens einem Teil des riesigen Repertoires an Musik meinen Stempel aufzudrücken. War es früher mal ein Traum, die Frage nach dem Sinn des Lebens beantworten zu können, träume ich heute davon, schneller als die Vergänglichkeit des Lebens zu sein.

 

Es wird einem ja beispielsweise gerne unterstellt, dass man wie im 18. oder 19. Jahrhundert fühlen müsse, wenn man Musik aus dieser Zeit interpretiert. Völlig vergessen wird, dass Mozart und Beethoven Visionäre waren und ihrer Zeit weit voraus. Beide hatten einen Traum. Ich bin nicht der Meinung, dass man eine so genannte authentische Spielweise, die man ja auch nur in Relativität authentisch nennen kann, darbieten muss. Vielmehr begegne ich der Musik alter Komponisten – von Mozart, Beethoven oder Haydn – mit den Sichtweisen meines zurückliegenden Musiker-Lebens. So habe ich meine Geige aus dem 18. Jahrhundert an die Musikherausforderungen der heutigen Zeit angepasst – mit einem längeren Hals und moderner Besaitung ist sie nuancenreicher denn je.

Ich meine, als Interpret von Musik, aber auch als Musikliebhaber wird man automatisch zum Weltenbürger, denn jeder Mensch, egal, welcher Nationalität, versteht auf seine Weise, was Noten ausdrücken. Ist das nicht traumhaft?

 

Ich würde gern zum Mond fliegen und dort das erste Konzert spielen. Bachs Solosonaten. Kraterlandschaft. Kein Publikum. Riesige Satellitenschüsseln übertragen meine Musik ins Universum und locken Lebewesen an, von denen wir heute noch nichts wissen. Wenn Kunst allumspannend ist, ist ihr die Erde nicht genug. Es muss bei anderen Kosmosbewohnern auch Kreativität geben. Mich würde brennend interessieren, wie die sich auslebt. Wie klingt deren Musik? Was ist deren Begriff von Kunst? Über ihre Kreativität könnte ich diese Wesen besser verstehen als über eine »sprachliche« Kommunikation. Über das, was sie in Bildern denken, über Skulpturen sagen und in Musik ausdrücken, wird mir klar, was ich mir schon immer erhoffte und erträumte: dass wir nicht die einzigen Lebewesen der Schöpfung sind. Es wäre doch bestürzend, wenn es nur uns Menschen gäbe und damit das Maß an Intellektualität und Humanismus ein für alle Mal gesetzt wäre.

 

Der Traum, mich und meine Fähigkeiten stets weiterzuentwickeln, gar auf dem Mond für Kosmosnachbarn zu spielen, hat auch etwas mit meinem Verständnis von Geschwindigkeit zu tun. Wer stehen bleibt, wird zu einer Schnecke und irgendwann überholt. Unstillbare Neugier heißt der Virus, den ich in mir trage. Herbert von Karajan, ein Mann, dem ich viel verdanke, weil ich mich mit ihm kreativ auseinander setzen konnte, war da mein Vorbild. Sein unstillbares Verlangen, sich Neuem zu öffnen – Interpretationen, einem noch schnelleren Auto, einem Segelboot, Flugzeugtypen oder dem Beginn der Digitalisierung von Musik – immer wollte er Neues entdecken. Insofern war er ein schneller, leidenschaftlicher Mensch, der sich und andere vorwärts trieb. Heute finde ich es richtig, dass ich ihm als Teenager blind gefolgt bin, denn er weckte Sehnsüchte in mir, die der Schlüssel zu meinen Träumen sind.

 

Aufgezeichnet von Marc Kayser

DIE ZEIT Nr. 47 vom 11. November 2004
Mit freundlicher Genehmigung der ZEIT .

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