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Ich
habe einen Traum
Anne-Sophie Mutter wurde 1963 im badischen Rheinfelden
geboren. Ihre Karriere als Violinistin begann sie mit 13 Jahren bei den
Salzburger Pfingstfestspielen unter der Leitung von Herbert von Karajan.
Anne-Sophie Mutter wurde mit dem Deutschen Schallplattenpreis und dem Grammy,
dem bedeutendsten amerikanischen Musikpreis, ausgezeichnet – und für ihr
soziales Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz. Hier träumt sie von einem
Konzert auf dem Mond
Musik ist nichts Reales. Vielmehr ist sie eine
Klangvorstellung, die immer wieder neu aufersteht. Wenn ich Violine spiele,
arbeite ich an Musik wie an einer Skulptur, die niemals fertig wird. Im Grunde
ist Musik wie Nebel, der nach dem Konzert verflogen ist. Bestenfalls bleibt sie
in unserem Kopf und beseelt die Fantasie. Da ist nichts Greifbares, nichts
Messbares. Sie ist zwar auf dem Papier festgehalten; aber die Seele der Musik,
die Spannung, die Empfindungen und die Emotionen, die sie auslöst: All das steht
nicht auf dem Papier. Deshalb ist Musik wie ein Traum, eine Verbindung zu
unserer Spiritualität – versinnbildlicht etwa durch die sich beinahe berührenden
Finger Gottes und Adams in der Sixtinischen Kapelle.
Hinter eine Klangfarbe blicken zu können, die
millionenfache Vielfalt der Modulation von Musik zu erfahren, immer neue, immer
andere Register von Musik kennen zu lernen, also nicht stehen zu bleiben bei
dem, was man erfuhr, gehört mit zu diesem Traum. Noch immer ist mein Kaleidoskop
viel zu klein. Ich bin immer auf der Suche nach neuen, zeitgenössischen
Komponisten, die mir zeigen, welch neue Architektur Musik noch haben kann. Der
Gedanke, dass mir irgendwann die Kraft, Muße oder Neugierde fehlt, meiner
Violine neuartige Töne zu entlocken, graust mich. Ich möchte mein ästhetisches
Geschmacksspektrum weiter entwickeln. Ich möchte niemals stehen bleiben in
meiner Kreativität und meinem Mut zu Neuem. Stagnation wäre das Ende. Wer all
seine Ziele erreicht, hat sie zu niedrig gesetzt. Ich möchte möglichst viel in
kurzer Zeit aufnehmen und verarbeiten, um wenigstens einem Teil des riesigen
Repertoires an Musik meinen Stempel aufzudrücken. War es früher mal ein Traum,
die Frage nach dem Sinn des Lebens beantworten zu können, träume ich heute
davon, schneller als die Vergänglichkeit des Lebens zu sein.
Es wird einem ja beispielsweise gerne unterstellt,
dass man wie im 18. oder 19. Jahrhundert fühlen müsse, wenn man Musik aus dieser
Zeit interpretiert. Völlig vergessen wird, dass Mozart und Beethoven Visionäre
waren und ihrer Zeit weit voraus. Beide hatten einen Traum. Ich bin nicht der
Meinung, dass man eine so genannte authentische Spielweise, die man ja auch nur
in Relativität authentisch nennen kann, darbieten muss. Vielmehr begegne ich der
Musik alter Komponisten – von Mozart, Beethoven oder Haydn – mit den Sichtweisen
meines zurückliegenden Musiker-Lebens. So habe ich meine Geige aus dem 18.
Jahrhundert an die Musikherausforderungen der heutigen Zeit angepasst – mit
einem längeren Hals und moderner Besaitung ist sie nuancenreicher denn
je.
Ich meine, als Interpret von
Musik, aber auch als Musikliebhaber wird man automatisch zum Weltenbürger, denn
jeder Mensch, egal, welcher Nationalität, versteht auf seine Weise, was Noten
ausdrücken. Ist das nicht traumhaft?
Ich würde gern zum Mond fliegen und dort das erste Konzert
spielen. Bachs Solosonaten. Kraterlandschaft. Kein Publikum. Riesige
Satellitenschüsseln übertragen meine Musik ins Universum und locken Lebewesen
an, von denen wir heute noch nichts wissen. Wenn Kunst allumspannend ist, ist
ihr die Erde nicht genug. Es muss bei anderen Kosmosbewohnern auch Kreativität
geben. Mich würde brennend interessieren, wie die sich auslebt. Wie klingt deren
Musik? Was ist deren Begriff von Kunst? Über ihre Kreativität könnte ich diese
Wesen besser verstehen als über eine »sprachliche« Kommunikation. Über das, was
sie in Bildern denken, über Skulpturen sagen und in Musik ausdrücken, wird mir
klar, was ich mir schon immer erhoffte und erträumte: dass wir nicht die
einzigen Lebewesen der Schöpfung sind. Es wäre doch bestürzend, wenn es nur uns
Menschen gäbe und damit das Maß an Intellektualität und Humanismus ein für alle
Mal gesetzt wäre.
Der Traum, mich und meine Fähigkeiten stets
weiterzuentwickeln, gar auf dem Mond für Kosmosnachbarn zu spielen, hat auch
etwas mit meinem Verständnis von Geschwindigkeit zu tun. Wer stehen bleibt, wird
zu einer Schnecke und irgendwann überholt. Unstillbare Neugier heißt der Virus,
den ich in mir trage. Herbert von Karajan, ein Mann, dem ich viel verdanke, weil
ich mich mit ihm kreativ auseinander setzen konnte, war da mein Vorbild. Sein
unstillbares Verlangen, sich Neuem zu öffnen – Interpretationen, einem noch
schnelleren Auto, einem Segelboot, Flugzeugtypen oder dem Beginn der
Digitalisierung von Musik – immer wollte er Neues entdecken. Insofern war er ein
schneller, leidenschaftlicher Mensch, der sich und andere vorwärts trieb. Heute
finde ich es richtig, dass ich ihm als Teenager blind gefolgt bin, denn er
weckte Sehnsüchte in mir, die der Schlüssel zu meinen Träumen sind.
Aufgezeichnet von Marc
Kayser
DIE ZEIT Nr. 47 vom 11. November 2004 Mit
freundlicher Genehmigung der ZEIT
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