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© Deutsche Grammophon |
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Venice Baroque
Orchestra, Andrea Marcon - Vivaldi: Andromeda Liberata
Die Vergangenheit ist noch immer voller
Überraschungen. Als der französische Musikwissenschaftler Olivier Fourés im
April 2002 im Archiv des Conservatorio Benedetto Marcello die Handschift einer
anonymen Serenade entdeckte, hatte er bereits eine Ahnung. Sie bestätigte sich
und verwies auf Antonio Vivaldi als wahrscheinlichen Autor des Werks, was
wiederum Fachkreise in Entzücken versetzte. Andrea Marcon nahm das Fundstück in
das Repertoire seines Venice Baroque Orchestra und so entstand unter
Zusammenwirken diverser günstiger Umstände die Aufnahme von "Andromeda
Liberata".
Der Barock liebte die Verkleidung. Anachreonten zogen
sich Schäfergewänder an, mächtige Potentaten sahen mit ihren Perücken und
opulent verzierten Gehröcken aus wie dem Kostümverleih entsprungen. Ein
Grimmelshausen versteckte sich hinter der vermeintlichen Thumbheit seines
Simplizissimus, ein Rubens würzte seine großformatigen Akte mit reichlich
Metaphorischem aus der Mythologie. Überall fanden sich Momente der
Uneigentlichkeit und so wundert es kaum, dass auch mancher vordergründig
verständliche Text mehrere Ebenen der Deutung haben konnte.
Die Handlung
der Serenade "Andromeda Liberata" zum Beispiel ist auf der einen Seite ein eher
weit hergeholter Rekurs auf die Sagenwelt der Antike. Sie setzt ein, als Perseus
die zum Opfer an einen Felsen gekettete Königstochter Andromeda vor einem
Seeungeheuer gerettet hatte und als dank dafür zur Frau versprochen bekam. Dort
wo die frühere Handlung ihren Höhepunkt überschritten hatte, machte der
Librettist nun weiter und führte allerlei Verwirrungen wie den Jüngling Daliso
ein, die der Hochzeit entgegen stand. Gegen Ende aber fanden sich die beiden
Protagonisten dann doch, ein Happy-End, wie es das zerstreuungsgewohnte
Barock-Publikum mochte. Allerdings könnte die Handlung auch für etwas anderes
stehen. Am 21.Juli 1726 kehrte der kunstliebende Kardinal Pietro Ottoboni in
seine Heimatstadt Venedig zurück, nach 14 Jahren der Verbannung, weil er mit den
Franzosen paktiert hatte. Da das Manuskript aus dieser Zeit stammte und noch
dazu eine Serenade gerne zu ebensolchen Feierstunden wie einer glanzvollen
Rückkehr aufgeführt wurde, liegt die Annahme nahe, dass "Andromeda Liberata"
sich indirekt auf dieses Ereignis bezogen haben könnte.
Rätsel jedenfalls gibt es noch genug. So ist auch die
Urheberschaft nicht geklärt. Es konnte über die Analogie der Arie "Sovvente il
sole" mit einer bereits bekannten Handschrift Vivaldis nachgewiesen werden, dass
er zumindest für einen Teil der Musik verantwortlich gewesen sein muss. Ob die
Serenade komplett von ihm stammt oder ein Pasticcio verschiedener Urheber
darstellt, ist noch unsicher. Fest steht hingegen, dass "Andromeda Liberata" für
den Cembalisten und Orchesterleiter Andrea Marcon attraktiv genug ist, um als
Einstand bei der Deutschen Grammophon herzuhalten. Gemeinsam mit seinem
hervorragenden Venice Baroque Orchestra und nicht minder ausgezeichneten
Solisten wie Simone Kermes in der Titelrolle und Max Emanuel Cencic als Perseus
gelingt ihm auf diese Weise ein ungewöhnlich eleganter Einstieg in die
Repertoirewelt des etablierten Labels. Denn Marcons Vivaldi sprüht von Energie,
vor Spaß an der Faszinationskraft des ungewöhnlichen Werkes. Und so gibt es
wieder etwas zu entdecken aus der Welt des 18.Jahrhundert, etwas Frisches aus
der Komponierwerkstatt eines der arriviertesten Zeitgenossen der
frühneuzeitlichen Konzertmusik.
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