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Noch
immer gehen die Warnlampen an, wenn jemand davon spricht, dass klassische Musik
auch zur Unterhaltung und Entspannung dienen könne. Schließlich ist da ein Ruf
zu verteidigen, der seit rund einem Jahrhundert mühsam durch die Unterscheidung
von E und U etabliert wurde. Dabei sieht die Realität längst anders aus. Musik
ist überall in jeder beliebigen Form verfügbar und darf als solche auch den
Bedürfnissen der Konsumenten dienen. Wie etwa bei der Zusammenstellung "Le
classique abstrait", die eben in die zweite Runde geht.
Die Idee lag
in der Luft. Die Raver hatten sich müde getanzt, die Grunger schlapp gerockt,
die Sleeper waren nicht aus der Reserve zu holen und mit den Slackern wusste man
nichts Rechtes anzufangen. Das Sinnvakuum der späten Neunziger generierte auf
diese Weise ein eigenartiges Stilgestrüpp aus individuellen und kollektiven
Strömungen, in dem Experimente eine Chance bekamen. Einer, der diese Gelegenheit
nutzte, war Raphael Marionneau. Selbst Mitte zwanzig, schätzte der junge DJ aus
Nantes die Vorlieben seiner Generation richtig ein und bekam das passende Forum
angeboten.
Von 1996 an gestaltete er im
damaligen Hamburger Mojo Club sein monatliches café abstrait, eine loungige
Mischung von Musik aus allen Himmelsrichtungen. Vorgaben gab es nicht, nur
versöhnlich sollten die Klänge sein. Seine regelmäßigen Schmusekurse für die
stressgeplagten Konsumohren entwickelten sich zu angesagten Szeneevents und so
wurde aus dem ursprünglichen Gedanken, schlicht gute und niveauvolle
Unterhaltung ohne Stilgrenzen zu bieten, ein Konzept, das sich auf breite
Gebiete der gegenwärtigen Musikwelt anwenden lässt.
Denn es passt durchaus auch auf
die scheinbar so sperrige klassische Musik. Marionneau, der bereits von Berlin
bis Ibiza die Clubgänger mit erholsamen Chill Out Klängen versorgte, gestaltet
zunächst wöchentlich auf Klassik Radio die Sendung "Le Classique Abstrait". Die
Mischung reichte von angejazzten Klavierklängen über stimmungsvolle Popderivate
bis zu den seriösen Kompositionen aus drei Jahrhunderten Musikgeschichte. Das
Modell funktionierte gut, im Prinzip war alles erlaubt, solange es einen
stetigen Fluss der Empfindungen und Hörerlebnisse ermöglicht.
Für den zweiten Teil der
CD-Ausgabe seiner Soundidee hat Marionneau daher tief ins Archiv gegriffen. Das
Spektrum der musikalischen Bilder reicht von den Improvisationen der Gruppe
Saraband über Strauss, Chopin, Grieg, Rodrigo bis zu Ennio Morricone oder Hans
Zimmer. So entsteht eine Galerie der Hörimpressionen, für die Ulrich Hauschild
vom Konzerthaus Dortmund, der Marionneau für den 12.Mai zur großen Release-Party
eingeladen hat, nur euphorische Worte findet: "'Le classique abstrait' ist ein
Lebensgefühl, eine Weltanschauung einer Generation geworden, die einen anderen
Zugang zur klassischen Musik sucht und fordert. Klassische Hörgewohnheiten
werden ebenso in Frage gestellt wie Gewohnheitsprogramme der
Konzertveranstalter.
Raphael Marionneau reagiert auf
diese Strömungen auf ganz persönliche Weise. Er setzt Musik aller Epochen und
Stile zueinander in Beziehung ohne Rücksicht auf fundierte musikdramaturgische
Verbindungen und eröffnet dem Zuhörer so andere, neue Erlebnisse. Er erarbeitet
sich ein künstlerisches Repertoire mit der Intuition eines Künstlers, der in der
bildenden und darstellenden Kunst wie ein Architekt Brücken baut und seine
Suggestivkraft ist die alles verbindende Statik". |