Die jahrelang totgesagte Operette
kommt wieder ins Gespräch. So mancher mag vermuten, dass das an einschlägigen
Skandalinszenierungen liegt, mit denen manche Regisseure mächtig Medien-Wind
erzeugen. Sicher ist: Das Genre begeistert Musiker, Schauspieler, Sänger und das
Publikum.
Aber: Es hat wenig mit Nostalgie zu tun, wenn man feststellt,
dass die echten Operetten-Talente ziemlich rar geworden sind. Umso größere
Bedeutung kommt den klassischen Aufnahmen zu, wie sie vor allem im reichhaltigen
Katalog der EMI Electrola zu finden sind. Hier vermitteln Künstler wie Anneliese
Rothenberger, Rudolf Schock, Hermann Prey und viele andere, wie stark die
Operette sein kann, wenn man ihr mit künstlerischem Engagement, aber auch mit
Liebe und Respekt begegnet. Sieben Folgen Operetten-Raritäten bringen nun neue
Schätze aus den Archiven ans Licht – zum großen Teil erstmals auf CD.
Auf dem Cover von "The World Is Beautiful - Vienese Operetta Arias"
sieht man Jerry Hadley als Typ "Geschniegelter Schwiegersohn mit Föhnwelle" lächeln.
Entsprechend klingt das Ganze. Keine Spur von Witz und Esprit, Frivolité oder
Sinnlichkeit der Operette. Am Pult des Münchner Rundfunkorchesters liefert der
selbst erklärte Operettenexperte Richard Bonynge dazu apathische Begleitung, wo
foxtrottende Frechheit gefragt wäre. Wenigstens fügt Hadley genügend Raritäten
ein, um trotzdem etwas Interesse zu wecken.
Raritäten sucht man bei "Im Chambre séparée: Barbara Bonney singt
Wiener Operette" vergeblich. Die Sopranistin singt ein altbackenes
Programm des Altbekannten in unterkühlter Weise und mit Klavierbegleitung. Wieso
Decca meint, dass man diese Lieder zum Vollpreis ohne Orchesterzauber braucht,
wo sie in dutzenden besseren Aufnahmen von Schwarzkopf oder Schramm zum
Schnäppchenpreis vorliegen, bleibt ein Rätsel.
Wie viel aufregender Operette sein kann, hört man bei den historischen
"Viennese Operette Gems" Als Auftakt serviert
dort Charles Kullmann den Schlager "Als flotter Geist" aus dem "Zigeunerbaron". Er
tut dies mit perfektem Stilgefühl, Charme und einer Stimme, die zum Niederknien
ist. Gleiches gilt für alle anderen Sänger auf der CD, von Björling, Joseph
Schmidt, Wittrisch bis zu Elisabeth Schumann mit hinreißendem
Soubretten-Glucksen.
Ein Highlight der CD ist sicher der Walzer "Rosen aus
Djeipur" aus Kálmáns Indien-Operette "Die Bajadere" mit Gitta Alpar. Die Nummer
wird so überüppig gespielt, als hätte Baz Luhrmann das Arrangement besorgt. So
sollte Operette immer klingen. Man möchte allen heutigen transatlantischen
Operetten-Aspiranten (und nicht nur diesen) empfehlen, die NAXOS-Aufnahmen zu
hören, bevor sie wieder nach Wien aufbrechen.