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Dialektik: Warum die Lehrsätze aus der Antike noch
immer modern sind
Von der Antike bis ins Mittelalter
galt die Dialektik als ein unverzichtbares Fachgebiet jeder höheren Erziehung
und Bildung. In unserer modernen Welt wird diese alte Kunst jedoch häufig
vernachlässigt oder sie wird verfremdet genutzt, um in Gesprächen den „Gegner“
in die Enge zu treiben und verbal mattzusetzen. In der Praxis kommen heute oft
nur die dialektischen Kunstgriffe zur Anwendung, während die ursprünglichen
Lehrinhalte der antiken Dialektik aus dem Blickfeld geraten. Dabei sind diese
heute aktueller denn je.
von Stéphane Etrillard, SECS,
Düsseldorf
In der Antike und im Mittelalter
waren die sogenannten „freien Künste“ Teil einer jeden Gelehrtenausbildung. Die
Wissensgebiete Grammatik, Dialektik, Rhetorik, Arithmetik, Geometrie,
Harmonielehre und Astronomie bildeten gemeinsam die Basis einer höheren Bildung.
Und noch im Mittelalter waren sie die Vorbereitung auf das eigentliche
wissenschaftliche Studium an den Fakultäten der Theologie, Jurisprudenz und
Medizin und wurden dort in einer eigenen Fakultät, der Facultas Artium,
zusammengefasst. Diese Fakultät gilt als Vorläufer der philosophischen Fakultät,
die heute ihren Platz in nahezu jeder Universität hat.
Innerhalb der „freien Künste“ nimmt
eine Disziplin eine gewisse Sonderstellung ein: Es handelt sich dabei um die
Dialektik. Unter Dialektik versteht man im Allgemeinen die Kunst, ein geregeltes
(Streit-)Gespräch aus Rede und Gegenrede – oder eine wissenschaftliche
Auseinandersetzung mit These und Gegenthese – zu führen, das der Erkundung der
Wahrheit dient und zu einem schlüssigen Ergebnis gelangt, womit die anfänglichen
Meinungsverschiedenheiten aufgelöst werden. Bei Isidor von Sevilla, einem
bedeutendem Gelehrten des 6. und 7. Jahrhunderts, der das Wissen der Antike in
das Mittelalter trug und maßgeblich das Selbstverständnis der mittelalterlichen
Universitäten prägte, liest man dazu: Die Dialektik sei eine Disziplin, „in der
erörtert wird, wie mit Bezug auf die Ursachen der Dinge oder die Sitten des
Lebens die Wahrheit zu suchen ist“; und die Dialektik hilft dabei, „in
schwierigsten Disputationen Wahres von Falschem zu
unterscheiden“.
Mit dieser Charakterisierung wird
die Dialektik im universitären Umfeld zu einer Art Grundlagenfertigkeit im
Umgang mit allen anderen wissenschaftlichen Disziplinen, denn sie befasst sich
mit den Fragen der Erkenntnis, der Wahrheitssuche – und wird damit zur Basis
jeder Wissenschaft. Dieses Verständnis etablierte sich auch in den
Universitäten, und die Dialektik wurde zu einer methodischen Grundausbildung,
die allen anderen wissenschaftlichen Studien vorangestellt
war.
Wirft man nun heute einen Blick auf
einige der unzähligen verbalen Auseinandersetzungen in der (medialen)
Öffentlichkeit an, wünscht man sich häufig, dass jeder, der an öffentlichen
Gesprächsrunden teilnimmt, in den Genuss einer solchen dialektischen
Grundausbildung kommen sollte. Doch auch fernab von der breiten Öffentlichkeit,
im Privat- und vor allem im Berufsleben wird das alte Grundwissen der Dialektik
zu selten zurate gezogen. In unserer Gesellschaft, in der Kommunikation eine
Schlüsselposition einnimmt, rücken die Dialektik und die Rhetorik, als
angewandte Dialektik, dennoch wieder in den Vordergrund – oder sollten es
zumindest. Denn immer und überall werden Gespräche oder Auseinandersetzungen
geführt, und unendlich viel Zeit und Energie wird dadurch verschwendet, dass
Menschen aneinander vorbeireden und schlüssige Ergebnisse von Gesprächen bzw.
Auseinandersetzungen einfach ausbleiben. Die allgegenwärtigen Talkrunden in Funk
und Fernsehen – ganz gleich ob zwischen hohen Politikern oder streitenden
Nachbarn – sind und bleiben anschaulichstes Beispiel dafür. Wenn wir ehrlich
sind, kennen wir nicht minder drastische Beispiele oft auch aus dem persönlichen
Umfeld. Oft wird zwar intensiv um wahr oder falsch gestritten, dass jede
erfolgreiche und also konstruktive Gesprächsführung bestimmten Regeln folgt,
wird jedoch gern ignoriert. Dabei sind die Grundgedanken der Dialektik sehr
einfach und einprägsam:
Die erste Regel formulierte Platon:
„Verhalte Dich nicht egozentrisch.“ – Sie lässt sich mit dem simplen Gedanken
der Wechselrede konkretisieren: Die Parteien reden abwechselnd und hören
einander zu. Aus dem gegenseitigen Zuhören ergibt sich eine zweite Regel: Die
Parteien geben ausdrücklich an, wann sie den Ansichten der jeweils anderen
Partei widersprechen. Tun sie dies nicht, gilt dieses Unterlassen als
Zustimmung. So wird vermieden, dass die Beteiligten aneinander vorbeireden.
Damit die Parteien einander dann überhaupt verstehen, gilt als dritte Regel: Die
Gesprächspartner drücken sich klar und eindeutig aus, um Missverständnisse
möglichst zu vermeiden. Und die letzte Grundregel lässt sich von Aristoteles
ableiten, der sagte: „Analysiere und argumentiere logisch.“ Sprich: Widersprüche
in der eigenen Argumentation oder zu dem, womit man sich bereits einverstanden
gezeigt hat, sind nicht zulässig.
Wer diese vier einfachen Spielregeln
beherzigt, vermindert damit sofort die Gefahr unerfreulicher und destruktiver
Gesprächsverläufe. Und es zeigt sich hier auch ganz deutlich, dass Dialektik
also keineswegs dazu da ist, die eigene Meinung möglichst verlustfrei
durchzusetzen. Gerade unter dem Stichwort Rhetorik findet dieses Missverständnis
immer noch Verbreitung. Ausgangspunkt eines „Streitgesprächs“ sind zwar meist
gegensätzliche oder wenigstens unterschiedliche Meinungen, doch Ziel ist es
nicht, die Meinung des Gegenübers als falsch und die eigene als richtig
darzustellen – und dieser Aspekt wird in der Gesprächspraxis allzu oft
vergessen. Ziel eines Gesprächs bleibt vielmehr die konstruktive Verständigung
über den Gegenstand der Meinungsverschiedenheit. Es gilt, einen Ausgleich der
Meinungen herzustellen, einen Konsens zu erzielen, der für beide Parteien der
Wahrheit gleich kommt.
Aus diesen Grundsätzen lässt sich
nun auch für unsere moderne Zeit eine Rhetorik ableiten, die nicht auf den
rhetorischen Sieg bloß um des Sieges willen abzielt, sondern stattdessen ganz
und gar ausgerichtet ist auf die erfolgreiche Verständigung der
Gesprächspartner, die gemeinsam die Wahrheit zu ergründen suchen. Und so sind
auch die Mittel der Rhetorik nicht in verbalen Finten, Spitzfindigkeiten,
Vernebelungstaktiken oder Totschlagargumenten zu suchen, sondern allein in der
Überzeugungskraft der persönlichen Argumentation, die sich einerseits in den
schlüssigen Inhalten niederschlägt, sich andererseits auch im guten Stil der
Gesprächsführung entfaltet. Denn ein Streitgespräch ist keine Kampfansage, und
die eigenen Argumente sind keine „Waffen“, mit denen man den „Gegner“ bezwingt.
Argumente – und genauso die Gegenargumente! – sind viel eher als Stufen auf dem
gemeinsamen Weg zur Wahrheit zu betrachten. Mit jedem überzeugendem Argument
nähert man sich dem Konsens, der gegenseitigen Verständigung. Mit einer solchen
Art der Gesprächsführung kommt man nicht nur schneller und besser zum Ziel, sie
lässt zudem auf eine stilvolle und souveräne Persönlichkeit schließen, die es
nicht nötig hat, seinen Gesprächspartner mundtot zu machen. Auch dieser Aspekt
ist alles andere als unerheblich, denn Gespräche, die auch in heiklen
Situationen ein gewisses Niveau beibehalten, führen seltener zu unnötigen
Konflikten und sind daher zu Recht als konstruktiv zu
bezeichnen.
In unserer Zeit, die von der
Vielfalt der Kommunikationsmöglichkeiten und der Fülle kommunikativer Prozesse
geprägt ist, ist eine Rhetorik der Überzeugungskraft letztlich die einzige
Chance, sich nicht dem stetig steigenden Lärmpegel der Kommunikation zu
unterwerfen und selbst immer nur noch lauter, noch bunter, noch spektakulärer zu
sein in der Hoffnung, irgendwo Gehör zu finden. Die Rückbesinnung auf die sehr
praktikablen Grundregeln der Dialektik leitet den Blick auf die Qualität unserer
Kommunikation, auf den Erfolg unserer Gespräche, und nicht auf das Aufsehen, das
sie erregen. Und der Maßstab dafür kann nur die gelungene Verständigung sein.
Qualitativ hochwertige Gespräche, die effektiv und erfolgreich verlaufen, dienen
nicht der Selbstdarstellung, sondern der Klärung und der Kommunikation von
Inhalten. Ganz gleich, ob es sich dabei um private Auseinandersetzungen, um
berufliche oder Fachgespräche handelt. Ein Gespräch, das stattdessen letztlich
bloß dazu führt, dass der Gesprächspartner eingeschüchtert oder in die Ecke
gedrängt seine Meinung aufgibt, ist in letzter Konsequenz immer ein unsinniges
und vor allen Dingen überflüssiges Gespräch, denn in der Sache wird hier nichts
geklärt. Und die Meinungsverschiedenheiten bleiben weiterhin bestehen oder
steigern sich nur noch. Gerade langfristig gesehen, bleibt ein solches Gespräch
ohne echtes Ergebnis und führt in der Folge sogar häufig zu Konflikten oder
Missverständnissen. – Und überflüssige, ergebnislos verlaufende kommunikative
Vorgänge gehören nun zu den Dingen auf der Welt, auf die wir gerne verzichten
können.
Deshalb ist es wichtig, die Qualität
und Effektivität von Gesprächen und Kommunikation nicht aus dem Blick zu
verlieren, was bei den schier grenzenlosen Kommunikationsmöglichkeiten unserer
Zeit tatsächlich zu einer reellen Gefahr geworden ist. Die aus der Antike
stammenden Grundsätze der Dialektik geben uns Hinweise darauf, wie wir dieser
Gefahr Einhalt gebieten können, und sie haben auch in unserer modernen
Gesellschaft weiterhin ihre volle Gültigkeit. Aufmerksamkeit, Fairness, Klarheit
im Ausdruck, Authentizität und schlüssige Inhalte waren damals und sind auch
heute die Eckpfeiler einer überzeugenden Gesprächsführung.
© Stéphane Etrillard,
2007 |