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Alternatives Denken: Selbsterkenntnis
durch persönliche Integrität
von Albert
Metzler
Mitarbeiter sind oft neidisch auf die
„Macht“ ihrer Vorgesetzten, junge Manager können es oft kaum erwarten, mehr
Verantwortung übertragen zu bekommen, um sich beweisen zu können. Wer aber
schließlich in die Lage kommt, immer mehr und immer bedeutendere Entscheidungen
treffen zu müssen, weiß, dass sich bei Menschen, die nicht mehr als Lust auf
Macht in ihre Führungsposition mitbringen, der Traum oft zum Alptraum entwickelt
und dass in der Wirklichkeit des Führens besonders harte Winde wehen. Es stellt
sich nämlich immer heraus, dass Führen nicht nur bedeutet, Entscheidungen
treffen zu können, sondern vielmehr noch: sie treffen zu müssen. Die Grundlagen
von Entscheidungen werden nämlich mit steigender Position zunehmend
komplizierter: Interessen stehen gegeneinander, Informationen fehlen und ohne
sie muss entschieden werden, die persönliche Meinung steht gegen „Sachzwänge“,
man steht allein und oft weiß man, dass jede Entscheidung nur in verschiedener
Weise „falsch“ sein wird und trotzdem getroffen werden muss. Ohne persönliche
Integrität werden solche Situationen jedes Mal zu Zerreißproben, die manchmal
sogar in veritablen Katastrophen, für das Unternehmen oder die Person, enden
können.
Persönliche Integrität zu gewinnen, ist allerdings
eines der herausforderndsten Unternehmen im Leben eines Menschen, jedoch auch
eines, das bereits mit den ersten kleinen Investitionen garantierten Gewinn
einfährt. Viele begnügen sich damit, persönliche Integrität nur darzustellen –
und sterben innerlich lieber andauernd tausend Tode, als daran zu arbeiten,
echte Integrität zu erwerben. In ihnen tobt ein Chaos an übernommenen Gedanken,
an unüberprüften Regeln, ewig mitgeschleppten Zweifeln, diffusen Wünschen und
dergleichen mehr – ein Chaos. Oft denken diese Menschen, die „Welt“ wäre
schlecht, ein ewiger Kampf, in dem sie siegen oder untergehen, Jeder gegen Jeden
– dabei wäre der erste Schritt einfach der, zu erkennen, dass der Kampf zuerst
im eigenen Inneren beginnt, und dass sich das Chaos da drinnen außen nur
spiegelt.
Authentisches
Handeln
So individuell unsere Gedanken und Denkprozesse
auch sind, sie existieren nicht losgelöst oder unabhängig von unserer Umwelt und
unseren Persönlichkeitsbedingungen. Im Gegenteil: Unser Denken unterliegt ganz
wesentlich den unterschiedlichsten Einflüssen von außen und von innen. Diverse
Faktoren, die nicht selten im Verborgenen bleiben, entscheiden mit über unsere
Denkinhalte, die Art und Weise, wie wir denken und fühlen, und die Ergebnisse
unserer Denkprozesse. Die Resultate daraus – unsere Entscheidungen und
Handlungen – basieren also ganz offensichtlich nicht nur auf freien und
eigenständigen Urteilen, sondern sind auch abhängig von Größen, die wir nicht
selbst festlegen, sondern die unter Umständen uns festlegen.
An diesem Punkt setzt die Methode des Alternativen
Denkens an mit dem Ziel, das eigene Denken individuell, eigenverantwortlich und
authentisch zu gestalten, damit sich Einflüsse nicht ausweiten zu
Fremdbestimmung und Unfreiheit im Denken und Handeln. Grundannahme für jedes
authentische Handeln sollte also sein: Jeder Mensch kann die Gestaltung seiner
Art zu leben selbst in die Hand nehmen, kann sein Denken, Entscheiden und
Handeln selbst bestimmen und unabhängig von den Voraussetzungen, mit denen seine
Persönlichkeit ausgestattet ist, eine ihm gemäße Lebensweise finden. Doch
angesichts der Menge an Einflussfaktoren, die uns und unser Denken bestimmen,
scheint diese Annahme durchaus erklärungsbedürftig. Denn es stellt sich die
Frage, wie weit unsere Entscheidungsfreiheit tatsächlich reicht.
Selbstcoaching
Können wir überhaupt wirklich frei und
selbstbestimmt denken? Oder ist letztlich alles von irgendwelchen Umständen und
Wirkungen determiniert? Die Einflüsse auf unser Denken und die Ursachen für
unsere Gedanken sind vielfältig: Sie entstehen sowohl aus den inneren
persönlichen Voraussetzungen, mit denen wir ausgerüstet sind, als auch aus den
Bedingungen, die durch die uns umgebenden äußeren Strukturen entstehen. Zur
ersten Gruppe gehören Bestimmungen wie der Intelligenzquotient, allgemeine
Charakterzüge, Talente etc.; zur zweiten Gruppe lassen sich z. B. verschiedene
Lebensumstände zählen wie die Herkunft (z.B. Kulturkreis, Provinz oder
Großstadt), die soziale Stellung, das Familienleben, die Religion, das soziale
Umfeld und dergleichen mehr. So unterliegt das Denken einem Gemenge aus
Bedingungen, aber weil es jeweils individuellen Bedingungen unterliegt, kann die
Idee von der Individualität des Einzelnen trotz der Annahme von Determiniertheit
im Denken durchaus aufrechterhalten werden.
Das Denken des Menschen unterliegt zahlreichen
Bedingungen. Es sind aber bei jedem Menschen andere bzw. eine andere Mischung
von Bedingungen. Daher ist
a) das Denken jedes Menschen zwar
determiniert aber
b) das Denken jedes Menschen auch
individuell. Das bedeutet
c) dass jedes Denken von den Menschen auch
individuell erfasst und vor allem individuell umgeprägt werden
kann.
Wenn die Gedanken und das Denken mit einem
individuellen Bedingungsprofil verbunden sind, ergibt sich daraus nämlich, dass
wir in der Lage sind, auf unsere Denkprozesse selbst einzuwirken, da wir
beispielsweise unsere eigenen Lebensbedingungen durchaus beeinflussen können.
Das heißt also, dass Denkprozesse veränderbar sind und dass wir auf diesem Weg
unser Denken frei gestalten können.
Das Alternative Denken im Selbstcoaching, macht
sich diesen Umstand zunutze, indem es darauf setzt, dass der Mensch
festgefahrene Denkmuster und -gewohnheiten, die sein freies und kreatives Denken
behindern, aus eigener Kraft aufweichen, verändern und auch auflösen kann.
Dieser Prozess erfordert viel Arbeit an sich selbst und beginnt mit genauem und
aufmerksamem Beobachten der eigenen Person in ihren wesentlichen Zusammenhängen.
Diese Zusammenhänge, in denen sich jedes Individuum
alltäglich befindet, erhalten ihre Charakteristik z. B.
durch:
- Wertmaßstäbe
- Regelsysteme
- Traditionen
- Erfahrungen
- kulturelle Bestimmungen
- Ideale
- Wünsche
- Pflichten und vieles mehr.
All dies wirkt auf den einzelnen Menschen ein und
wächst letztlich zu einem Chaos an Einflüssen heran, die mit ihren z. T.
entgegengesetzten Stoßrichtungen schwer wiegende Konflikte und wahre
Zerreißproben produzieren können.
Um diesen Widersprüchlichkeiten nicht hilflos
ausgeliefert zu sein, bedarf es einer Methode, die dem Chaos etwas
entgegenzusetzen hat. Das Alternative Denken ist so eine Methode. Sie fußt auf
einem grundlegenden Prinzip: Das Er- und Anerkennen der spezifischen Denk- und
Lebensbedingungen sowie der eigenen Persönlichkeit ist Voraussetzung für deren
eigenverantwortliche Gestaltung. Nur die Selbsterkenntnis eröffnet den Weg zu
selbstbestimmtem Denken und Handeln. |