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Kajal und Anti-Faltencreme versus Schamröte als Rouge-Ersatz
Tut-ench-Amun

Waren Schönheit, und damit auch die Schminkkunst, Sauberkeit und Hygiene im alten Ägypten sogar gesetzlich vorgeschrieben, sahen heidnische Dichter die dekorative Kosmetik gleich als Vorzeichen für einen Moralverstoß. Für die Christen ist die wahre Schönheit innerlich. Die Kirchenväter lehnten jede künstliche Veränderung der von Gott geschaffenen Erscheinung ab.

Ungeachtet dessen interessierte sich die antike Damenwelt zunehmend für kosmetische Pflege und das Make up. In der Publikation "Kosmetik im Altertum" spannt Dr. Maren Saiko (Klassische Philologie, Ruhr-Universität Bochum) den Bogen vom alten Ägypten bis zur christlichen Spätantike und öffnet damit zugleich eine Fundgrube an kosmetischen Rezepturen, Schminktechniken und Schminkutensilien.


Fast nach heutigem Geschmack

Die ägyptische Schminkkunst war so fortschrittlich wie sonst kaum in der Weltgeschichte, bis heute lässt sich Vieles wieder finden. So waren Kajalstifte (in hohle Pflanzenstiele gefüllt, ausgehärtet und angespitzt) für eine eindrucksvolle Augenumrandung sehr beliebt. Männer und Frauen trugen zunächst eine ockergelbe bis dunkel orange Gesichtsgrundierung auf, zogen mit blauer Farbe Venen und Schläfenlinie nach, legten Rouge auf Wangen und Lippen und schminkten die Augenlider mit verschiedenen Farbpigmenten. Nägel, Handinnenflächen und Fußsohlen wurden durch rötliches Henna verziert, die Haut mit Tätowierungen geschmückt und Goldpuder auf die Brustwarzen gestäubt. Bis auf die Grundierung war alles fast nach heutigem Geschmack! Die Anti-Faltenmaske aus einem Milchmix mit Weihrauch, Wachs, frischem Olivenöl und Cyperus blieb allerdings sechs Tage lang auf dem Gesicht.

Dichtung gibt Einblick in Schönheitspflege

Während die dekorative Kosmetik in der Überlieferung zunächst hinter die Heilkunde (Rezepturen für Hautausschläge, Wundbehandlungen usw.) tritt - so erfahren wir weder von dem griechischen Arzt Galen (129 - 216 n. Chr.) und den durch ihn überlieferten Autoren noch von Galens Nachfolgern Neues über die Kosmetik - gibt uns die griechische und lateinische Dichtung schließlich Einblick in die Schönheitspflege: Aristophanes liefert in der 411 v. Chr. entstandenen Komödie Lysistrata das erste uns bekannte literarische Zeugnis für dekorative Kosmetik im Sinne von Rouge, Lidschatten oder Lippenstift. Die größte Neuerung der Griechen hinsichtlich des Make ups war das Bleiweiß (Bleikarbonat, PbCO3) zur Grundierung des Gesichts. Es blieb - obwohl gesundheitsschädlich - seit der Antike für viele Jahrhunderte die am weitesten verbreitete Schminke überhaupt.

Kosmetik gefährdet Partnerschaft

Der überwiegende Teil der Autoren zeigte sich kritisch gegenüber der Kosmetik: Für Plutarch (46 - um 120 n. Chr.) gerät die gleichberechtigte Partnerschaft aus der Balance, wenn eine geschminkte Frau unnötig künstlicher aussieht als ein Mann, der sich nur wäscht und eincremt. Martial (etwa 40 - 100 n. Chr.) spottet "... wenn du Nachts unter 100 Salbendosen verborgen liegst, dein Gesicht nicht mit dir zusammen schläft, ..." und kritisiert das Auflegen von Make up und den Parfümgebrauch als Ausdruck mangelnder Hygiene, insbesondere nach oralem Geschlechtsverkehr. Zwar ist Kosmetik für Plinius (23/24 - 79 n. Chr.) Ausdruck weiblicher Verschwendungssucht, dennoch sind bei ihm Rezepte gegen Falten, Sommersprossen, spröde Lippen oder Blässe nachzulesen. Mit dem Christentum nimmt die Kritik an Schärfe zu: Schminken und Färben deuten eine Krankheit tief unten in der Seele an (Clemens von Alexandrien, 140/150 n. Chr. ) und Gregor von Nazianz (326-um 390 n. Chr.) hält Schamröte für die einzig erlaubte Farbe im Gesicht einer Frau. Die Kirchenväter warnen vor der Höchststrafe - der Abkehr Gottes.

Der Protagonist: Ovids Schönheits-Versprechen

Ovid (43 v. Chr. - 17/18 n. Chr.) der Dichter der Amores sieht dagegen in der Kosmetik eine unterstützende Pflege mit dem Ziel, die eigenen naturgegebenen Reize hervorzuheben und Vorhandenes zu verfeinern. In seiner Medicamina faciei femineae - ein Beispiel für die Poetisierung trockener, technischer Rezepturen - gibt er fast mit jedem Rezept ein Erfolgsversprechen ab: So sollen Gesichtspackungen aus Gerste, Erve, toskanischem Dinkel, Eiern, Hirschhorn, Narzissenzwiebeln, Gummi und Honig für einen strahlenden Teint sorgen. Er empfiehlt einen Reinigungszusatz aus Lupinensamen, Bohnen, Bleiweiß, rotem nitrum und Iriswurzeln für eine geschmeidige Haut und unter anderem eine Gesichtspackung zur Fleckenentfernung aus Fenchel, Myrrhe, Rosenblättern, Ammoniaksalz und Gerstenwasser.


Quelle: Cura dabit faciem. Kosmetik im Altertum. Literarische, kulturhistorische und medizinische Aspekte. Wissenschaftlicher Verlag Trier, 2005, Bochumer Altertumswissenschaftliches Colloquium (BAC), Bd. 66, ISBN 3-88476-756-9


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