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© Ralph Linzbach |
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Was mich an SkyDancing-Tantra seit dem ersten Kontakt damit vor zehn Jahren
bis heute fasziniert, ist die so genannte "Welle der Glückseligkeit": Eine Frau
sitzt im Schoß eines Mannes (bzw. ein Mann im Schoß eines gleichgeschlechtlichen
Partners oder eine Frau in dem einer Partnerin) und über Synchronisierung des
Atems, einer Bewegung im Becken, dem An- und Entspannen der Muskeln im
Beckenboden sowie einer gemeinsamen Visualisierung wird eine tiefe
körperlich-seelisch-geistige Verbindung aufgebaut. Diese lässt schließlich
selbst die Übungsstrukturen hinter sich und tritt in den gegenwärtigen
Augenblick ein: absichtsloses Sein im Hier und Jetzt.
Wenn Meister Richard Baker Roshi meint, dass Zen-Meditation die intimste
Weise sei, mit sich selbst zu sein, so stimme ich dieser Ansicht zu und meine:
SkyDancing-Tantra und die "Welle der Glückseligkeit" ist die intimste Weise, mit
einem Partner zu sein. Oder anders ausgedrückt: Es ist für mich >Zen in der
Kunst des Liebens<. Und an diesem Punkt übersteigen die spirituellen Wege die
Kategorien sexueller Grundorientierungen.
Und die ethische Konsequenz im Alltag? Diese sieht in Deutschland oftmals
ernüchternder aus, als man es für unsere „aufgeklärte Gesellschaft“ annehmen
möchte - besonders was homosexuelles Leben betrifft. So argumentieren doch mein
Tantra-Ausbildner und seine Partnerin in ihrem Buch "Verführung zur Ekstase"
noch naturrechtlich, wenn sie die Befreiung der Sexualität als eine Aufgabe des
Tantra beschreiben und damit die sexuelle Bezogenheit von Mann und Frau
zueinander meinen. Es versteht sich von selbst, daß dabei gleichgeschlechtliche
Liebe ausgegrenzt bleibt: "Tantra ist nun mal eine heterosexuelle Tradition".
Aber auch das Ansinnen, sich in seiner homosexuellen Neigung in der
Meditations-Sangha zu erkennen zu geben, trifft nicht eben auf offene Ohren. Da
wird ein Zenroshi im Einzelgespräch (Dokusan) schon mal zornig und verweist aus
dem Raum, wenn nicht gar aus dem Meditationshaus, mit der Bemerkung: "Wir sind
hier kein Heiratsmarkt! Wenn Du das tun willst, dann mußt Du hier gehen!"
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Offenbar scheinen es gleichgeschlechtlich Liebende in Deutschland zu
„wittern“, dass es mit dem wirklichen Verstehen, mit Unterstützung und Akzeptanz
auch im spirituellen Bereich nur gering bestellt ist. So tauchen meiner
Erfahrung nach Schwule und Lesben in den heterosexuell geprägten spirituellen
Kreisen eher vereinzelt in ihrer Identität auf - wohl auch aus Angst, als zu
wenig ernsthaft suchend zu gelten, nicht als Menschen in ihrer Eigenart
akzeptiert oder gar ausgeschlossen zu werden. Verwunderlich ist es daher wohl
auch nicht, dass schwul/lesbische Medien hierzulande sich viel eher der
Partyszene, Mode, Film, Musik, Medien, Politik, et cetera widmen und
gerade erst beginnen, das Thema "homosexuelle Spiritualität" neu aufzugreifen.
Da sprechen die Öffentlichkeit und die Angebote an der Ost- und Westküste
der USA schon eine andere Sprache: Dort kommen ganz selbstverständlich in
spirituellen Magazinen immer wieder Schwule zu verschiedenen Themen zu Wort, und
das Zusammenwirken in den spirituellen Gemeinschaften ist viel
selbstverständlicher zwischen unterschiedlichen sexuellen Grundorientierungen.
Vielleicht ist es hierzulande mehr der Einfluß des Christentums, der –
zumindest aus dem Hintergrund - auch dem Yoga, Vipassana, Zen oder Sufismus eine
sich von Homosexualität eher abgrenzende Ethik und Moral verleiht als in den
USA... Und so kommen Männer in die GAY-TANTRA-Seminare, - ich biete sie seit
1992 als einziger auf hauptberuflicher Basis im deutschsprachigen Raum an - die
von Tantra gehört haben, aber nie in gemischtgeschlechtliche Gruppen gehen
würden. Denn diese würden einfach nicht ihrer Lebensrealität entsprechen – ganz
abgesehen von der sich aus dem Thema ergebenden starken Betonung der
Mann-Frau-Thematik in diesen Gruppen.
Letzteres ist ein Punkt, der von Außenstehenden besonders häufig angesprochen
wird: Ob und wie Tantra unter Schwulen „funktionieren könne“ - auf der
körperlichen, aber vor allem auf der seelisch-geistigen oder energetischen
Ebene, da sich hier doch offensichtlich keine „Vereinigung von Männlichem und
Weiblichem“ vollziehen könne?
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Doch da es im Tantra nicht nur um die äußere Vereinigung von Mann und Frau
geht, sondern vielmehr um die Ausbalancierung der inneren männlichen und
weiblichen Anteile, kann homosexuelles Tantra sehr gut „funktionieren“.
Spätestens bei Übungen mit analer Berührung, Massage und Heilung werden sich die
männlichen Teilnehmer einer Gruppe auch ihrer weiblichen Seite im Körper und
ihrer Sexualität bewußt: Weichheit, Hingabefähigkeit, Offenheit. Ich persönlich
fördere diese Seite der Persönlichkeit noch besonders durch Meditation, die
gerade auch Absichtslosigkeit und Verbindung mit dem weiblichen Kern fördert –
wobei letzteres essentiell ist für die Balance einer schwulen Paarbeziehung.
Neben diesen Parallelen bleibt natürlich die Frage, ob - und wenn ja wie -
sich schwules Tantra beziehungsweise das in meinen GAY-TANTRA-Gruppen
praktizierte SkyDancing-Tantra von dem in gemischten Gruppen unterscheidet.
Grundsätzlich denke ich, dass jede Frau und jeder Mann, die SkyDancing kennen,
sich in den GAY-TANTRA Programmen sofort wiederfinden und wohl fühlen würden -
so nahezu identisch schwingen die Energien. Doch zugleich wähle ich für meine
Gruppen bewußt schon für die Einführungsstrukturen Seminartitel und Inhalte mit
größerem sexuellen und ekstatischen Anteilen; erreiche ich doch so mehr
Teilnehmerresonanz als mit allgemein gehaltenen oder sinnlichen Titeln. Und so
baue ich mit mehr Atem- und Körperarbeit schneller und kraftvoller Energie auf,
damit wir in kürzeren Zeit an das Ziel kommen, in der "Welle der Glückseligkeit"
eine Erfahrungen von tiefer Einheit und Verbundenheit machen zu können -
jenseits sexueller Grundorientierungen. Wie schön und befreiend ist es, wenn
Schwule voller Bewußtsein Shiva und Shakti, also wirklich eine Göttin/einen Gott
in dem anderen entdecken - jenseits der Tunte oder des Macho!
Für den interessierten Leser ist es bestimmt auch nachvollziehbar, dass
Nacktheit in den GAY-TANTRA Seminaren viel schneller möglich ist als
vergleichsweise in gemischtgeschlechtlichen Gruppen; die Schamgrenzen sind unter
Männern viel niedriger. Aber – und das überrascht vielleicht, angesichts der
Darkrooms, Klappen, Saunen und Parks, von denen mittlerweile wohl schon jede
Frau und jeder Mann gehört hat – am Abend begegnen sich im "Liebestempel" im
Allgemeinen "meine Männer" viel weniger auf der genitalen Ebene, als es in
gemischt-geschlechtlichen Gruppen nach meinen Erfahrungen geschieht; was ich aus
den Aussagen meiner Teilnehmer entnehme, bewegen sie sich auch an den offenen
Abenden sehr stark im rituellen Rahmen. Ich denke, das hat damit zu tun, dass
Männer eine gesteigerte Ahnung und Angst vor Verletzlichkeit haben - der eigenen
und der eines anderen schwulen Mannes - denn es ist eine große Aufgabe, im
gleichen Geschlecht die potenzierte sexuelle Kraft in aufbauender Weise zu
lenken.
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Was sind das nun für Männer, die GAY-TANTRA-Gruppen besuchen? Bestimmt sind
da Teilnehmer, gerade auch in den Einführungsgruppen, die alles Neue mal
ausprobieren möchten, sich als neugierig oder auch experimentierfreudig
bezeichnen.
Da ist aber auch der "gesetztere" Mann, wie etwa der Rektor einer Schule,
kurz über 50, bereits Witwer mit erwachsenen Töchtern, der wegen seiner Stellung
im öffentlichen Leben seine Neigung zu Männern verborgen halten will. In den
Tantra-Trainings findet dieser Mann einen Rahmen, mehr er selbst zu sein. Er
trifft Gleichgesinnte, die Verständnis für seine Lebenssituation mitbringen und
mit denen er auch im Alltag Verbindung halten kann...
Oder da ist ein anderer Teilnehmer, Arzt, 40 Jahre, Single, bisexuell. Er hat
auch schon manche gemischtgeschlechtliche Tantragruppe besucht. Tantra ist für
ihn ein Weg, Kraft zu schöpfen, seine Sexualität auszudrücken und in den Alltag
zu integrieren. Und GAY-TANTRA gibt ihm die Möglichkeit, erotisch auch unter
Männern zu sein - was in heterosexuellen Männergruppen oft noch ein großes Tabu
darstellt. Immer wieder sind da auch Teilnehmer, die bereits ein gutes Stück zum
Beispiel einen Yogaweg beschritten haben, die in der Transzendentalen Meditation
verwurzelt sind oder als Psychotherapeuten eine Praxis leiten. Für diese Männer
bedeutet Tantra meist die Mithineinnahme ihrer Sexualität in ihre spirituelle
Praxis.
Nicht zu vergessen sind "Senioren", die - meist jung geblieben - andere
Weisen der menschlichen und erotischen Kommunikation suchen, als es die
Gesellschaft bisher zu bieten hat. Auch sie machen tägliches
"Stretchingprogramm" - die Reise durch die Chakren, das viele Bewegen und Tanzen
- nach ihrem Vermögen mit. Meist ist es das offene Herz, der Humor oder die
Lauterkeit des Tuns, die die Barrieren zwischen Alt und Jung schnell fallen
lassen....
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Was passiert nun eigentlich genau in den Seminaren und Trainings? In meinen
Programmen stütze ich mich hauptsächlich auf Margot Anands Buch: "Tantra oder
Die Kunst der sexuellen Ekstase". Dabei sind es immer wieder dieselben
Gesetzmäßigkeiten, denen die sexuelle Energie folgt und somit auch wir in den
Seminaren: Nach Abbau von Anspannungen und Aufbau von Vertrauen mobilisieren wir
- auf viele verschiedene Weisen - Energie durch Atem, Stretching, Bewegung,
Ausdruck, Tanz, Massage, die wir dann kanalisieren, mit einem Partner verbinden,
gemeinsam in die Ekstase gehen und dann wieder den Weg zurückfinden in den
Alltag.
Je nach Intimitätsgrad der Gruppe und Trainingslevel
werden diese Übungen dann erotischer und sexueller - wobei es nie zu Anleitung
zu direkter sexueller Interaktion kommt. Harald, 36 Jahre, ein Teilnehmer eines
Einführungsseminars fasst das so zusammen: "Dieses Seminar brachte mich wieder
in Verbindung mit meiner Sinnlichkeit. Überhaupt fühlte ich mich in meiner
Männerliebe sehr geachtet, was mich sehr hoffnungsfroh stimmt: Ich traf in
diesem Seminar auf Partner, die nicht nur auf genitale Sexualität ausgerichtet
waren, sondern auf ganzheitliche persönliche Begegnung“. Und ein anderer: "Am
Ende dieses Seminars fühle ich mich sehr lebendig und bin dankbar für alles! Es
war für mich sehr bedeutsam, den Umgang miteinander auf eine sehr authentische,
spielerische und spirituelle Weise zu erfahren."
Veröffentlicht im
Dao-Sonderheft "Tantra", Hamburg 12-2000
Weitere Informationen zu den
Seminaren des Autors Armin C. Heining, findet ihr unter www.gay-tantra.de
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