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Helmut Schmidt - Kanzler & Pianist
Helmut Schmidt - Kanzler & Pianist / CD + DVD Edition
© Deutsche Grammophon
Helmut Schmidt - Kanzler & Pianist / CD + DVD Edition
 In der Politik ist es auch nicht mehr so, wie es einmal war. Sie ist ein schnelles Geschäft geworden, in dem tagesaktuelle Meinungen gefragt sind. Große Visionen, klug durchdachte Konzepte und vor allen Dingen Konstanz sind selten geworden. Außerdem hat ein aufgedrehter Ton die Polit-Rhetorik erobert. Wie anders war das bei politischen Urgesteinen wie Helmut Schmidt. Seine Reden waren Beispielhaft für ein Minimum an Verschnörkelungen und ein Maximum an Botschaften. Bis heute kommentiert Schmidt die Tagespolitik so ökonomisch, effizient und verständlich wie kaum ein anderer Politiker. Bei ihm hören sich selbst existenzielle Sätze vollkommen klar an. Für seine Botschaften braucht er nur wenige Worte. Und das klingt dann ungefähr so: „Ohne Musik wäre mein Leben ganz anders verlaufen.“

Tatsächlich ist die Klassik ein wichtiger Rückzugsort für den Staatsmann gewesen – ein innerer Kosmos, den er überall in der Welt aufsuchen konnte. In der Dokumentation „Außer Dienst“ von Sandra Maischberger bekennt der Altkanzler, dass er auf seinen Reisen oft in Hotelzimmern Musik hörte. Und in seinem Hamburger Haus steht noch heute ein Flügel, auf dem er sich die vertracktesten Werke der Klavierliteratur vorgenommen hat. Bisweilen warnt er vor dem Verlust des Hörens einer ganzen Generation: „Es ist wichtig, sich mit der Musik auseinander zu setzen, um die Welt nicht nur als Lärm wahrzunehmen.“

Die Nähe zur Musik könnte ein Grund sein, warum Helmut Schmidt auch als Politiker so erfolgreich war: er denkt bis heute in den Kategorien des Klassischen, lässt sich nicht vom Zeitgeist irritieren, von Moden aus der Ruhe bringen oder vom Talkshow-Geplapper in der Stringenz seiner Gedanken ablenken. Und das war schon immer so.

Selbst in den Urlauben, die er nach seiner Kanzlerschaft auf Gran Canaria verbrachte, zog sich Schmidt regelmäßig auf der Finca seines Freundes Justus Frantz in das Klavierzimmer zurück. Ein hoher, karger Raum mit weiß getünchten Wänden. Die Fenster-Fassade gibt den Blick in den Garten frei. Hier stehen lediglich ein Schreibtisch (an dem Schmidt seine Memoiren verfasste) und ein Flügel. Die Zeit tickt etwas langsamer an diesem Ort, und der Altkanzler hat sich hier 1984 auf die Aufnahme der Bach-Klavierkonzerte mit Justus Frantz, Christoph Eschenbach und Gerhard Oppitz vorbereitet. Diese Einspielung erscheint nun gemeinsam mit der DVD „Außer Dienst“ zum 90. Geburtstag von Helmut Schmidt.

Dass Helmut Schmidt ausgerechnet Bachs Klavierkonzert aufgenommen hat, scheint typisch für einen Politiker zu sein, der sagt, dass ihm die klaren Werke des Philosophen Mark Aurel mehr beeinflusst hätten als die Bibel. In seinem Leben siegten die Logik und die Ratio meist über intuitive Emotionshandlungen – warum sollte das in seinen musikalischen Vorlieben anders sein?

Die Schörkellosigkeit, der er verfallen ist, findet er in seiner Heimat Hamburg, in alten Backsteinklöstern, oder eben in der strengen und klaren Architektur der Musik.

Johann Sebastian Bachs musikalischer Kosmos ist die Verschmelzung von strenger Form und irdischer Verbundenheit. Sie vereint geistige Freidenkerei mit Bodenständigkeit, erhebt den Geist in die Endlosigkeit des Kosmos und bleibt doch mit beiden Füßen auf der Erde. Damit ist sie so etwas wie die klingende Charakterisierung des Altkanzlers Helmut Schmidt. Denn auch sein Handeln ist durch zwei grundlegende Kriterien bestimmt: die rationale Logik und den humanistischen Willen, das Verweilen auf der Welt für alle erträglich zu machen.

Auf der einen Seite also Johann Sebastian Bach, der die Musik als Sprache des Denkens und der wortlosen Kommunikation verstand und gleichzeitig dem irdischen Glück frönte und das Leipziger Bier genoss. Auf der anderen Seite der Kettenraucher Helmut Schmidt, dessen Denken von Klarheit geprägt ist, der es aber stets schafft, komplexe Weltereignisse in die Lebensrealitäten einzuordnen. Zwei Brüder im Geiste.

Es ist selten geworden, dass Politiker Muße und Inspiration in der Musik finden, so wie es bei Friedrich dem Großen noch üblich war, der gemeinsam mit Voltaire Flöte spielte. Dabei hat diese Synergie eine lange Tradition. Schon Platon schreib, dass man nicht an den Noten eines Landes rütteln könne, ohne am System zu rütteln. Doch es bleibt ein Merkmal der Musik, dass sich ihre Wirkung nie konkret belegen lässt. Wenn Helmut Schmidt allerdings sagt, dass sein Leben ohne Musik anders verlaufen wäre, ist die Größe ihre Bedeutung für sein Denken und Sein durchaus abzulesen.

Selbst mit 90 Jahren setzt er sich noch an das Instrument in seinem Hamburger Haus. Er klagt darüber, dass seine Ohren allmählich den Geist aufgeben, dass er die einzelnen Noten nicht mehr hören kann. Doch Musik ist für ihn nicht allein der Klang der Noten, sondern ein Kosmos, der hauptsächlich in Gedanken stattfindet. Und dann sagt Helmut Schmidt wieder einen dieser klaren und großen Sätze: „Ich muss den Klang nicht unbedingt hören, ich kann ihn mir auch im Kopf vorstellen.“  

(Axel Brüggemann)


Die vorliegende CD ‚Helmut Schmidt spielt Johann Sebastian Bach‘ präsentiert Schmidt als hervorragenden Pianisten. Der Name ist Programm – mit seinen Freunden und ‚hauptberuflichen‘ Musikern Gerhard Oppitz, Justus Frantz und Christoph Eschenbach sowie den Hamburger Philharmonikern spielt Schmidt das Klavierkonzert für 4 Klaviere seines Lieblingskomponisten Johann Sebastian Bach. Die Aufnahme entstand 1985 in Hamburg.

Die DVD ‚Helmut Schmidt außer Dienst‘ enthält die 90-minütige Dokumentation von Sandra Maischberger und Jan Kerhart. Es ist das persönlichste, intimste und offenste Portrait des Altkanzlers und seiner Ehefrau Loki, das je im Deutschen Fernsehen zu sehen war und wurde 2008 mit der Goldenen Kamera ‚Beste Information‘ ausgezeichnet.


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