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Inga Humpe im Interview mit der ZEIT
2Raumwohnung
© bmg
2Raumwohnung

DIE ZEIT - LEBEN

 

47/2004

 

»Ich bin pubertär«

 

DIE ZEIT: Angenommen, die heute 48-jährige Inga Humpe wäre der 15-jährigen Inga Humpe begegnet: Wie hätten sich die beiden verstanden?

 

Inga Humpe: Sehr gut. Ich wäre für mich als 15-Jährige genau die richtige Gesprächspartnerin gewesen. Ich muss auch sagen, dass diese 15-Jährige in mir gerade stark auflebt. Ich stecke ja ständig in so Selbstversuchen, in emotionalen, sozialen und musikalischen. In einem Teil dieser Versuche entdecke ich gerade eine immer wiederkehrende pubertäre Phase, die natürlich mittlerweile besser auszuhalten ist als mit 16 oder 13. Beim ersten Mal Pubertieren ist es besonders schlimm. Mittlerweile ist es schon das 20. Mal, und ich muss sagen: Es geht immer besser.

 

ZEIT: Was heißt Pubertät für Sie? Die Frage: Wer bin ich?

 

Humpe: Auch immer wieder, aber nicht so schlimm. Eher: Was ist die Welt? Wie finde ich mich da drin? Ich versuche, meinen eigenen Theorien gerecht zu werden und diese zu leben. Ich versuche, emotional zu leben. Ich suche die Offenheit, die ich mir selber wünsche, und die Unabhängigkeit.

 

ZEIT: Wenn man jünger ist…

 

Humpe:…ist man viel ängstlicher und dogmatischer. Dies ist eine große Last, weil man diesen Dogmen erst einmal wieder entkommen muss.

 

ZEIT: Wie war denn die 15-jährige Inga Humpe?

 

Humpe: Unglücklich, durcheinander, böse, unzugänglich. Ich erlebte eine große Einsamkeit, weil ich nicht mit meinen Eltern reden konnte, gepaart mit Angst und Todeslust.

 

ZEIT: Wie sahen Sie mit 15 aus?

 

Humpe: So wie jetzt (lacht). Erst mit 23 hatte ich dann diesen Grunge-Look mit den grünen Haaren und so weiter.

 

ZEIT: Wie sah Ihr Zimmer aus?

 

Humpe: Mein Zimmer hatte ein Che-Guevara-Plakat und eine kleine Stereo-Anlage, ein Meerschweinchen und ein paar ausgeschnittene Trompeten an der Wand. Eine Gitarre hatte ich natürlich und ein kleines Kofferradio, das war meine Tür zur Welt. Und im Kino habe ich Filme wie Cabaret oder Woodstock gesehen, die mir zeigten, da gibt es etwas, was ich nicht verstehe, aber da geht es lang.

 

ZEIT: Wovon haben Sie damals geträumt?

 

Humpe: Ich habe eigentlich von dem Leben geträumt, was ich jetzt führe. Das finde ich ziemlich in Ordnung.

 

ZEIT: Manche sagen, man kann Träumen nichts Schlimmeres antun, als dass sie in Erfüllung gehen.

 

Humpe: Das ist genau der Punkt, an dem ich gerade bin. Ich muss einen neuen Traum finden. Ein paar Ideen habe ich schon.

 

ZEIT: Gibt es verbliebene Sehnsüchte?

 

Humpe: Ich wollte immer mal eine Straßenmusikerin sein. Neulich habe ich das dann auch versucht und bin nach Saint Tropez gefahren, nur mit meiner Gitarre.

 

ZEIT: Und?

 

Humpe: Es war furchtbar. Ich habe mich so geschämt. Erst mal wurde ich am Hafen verscheucht, da durfte man gar nicht spielen. Ich dachte ja, ich werde auf irgendwelche Yachten eingeladen und könnte dann dort weiterspielen. Klappte überhaupt nicht. Dann war ich in so einer peinlichen Fußgängerzone, gegenüber von einem schicken Restaurant, in dem ich selber gern gesessen hätte, und spielte unter anderem Venus,Bobby McGee und irgendwas von Bob Dylan. Ich hatte die Texte, konnte aber die Griffe noch nicht richtig und musste immer runter in das Songbook gucken. Das geht als Straßenmusiker gar nicht, denn man muss die Leute anschauen. Das war schon mal ganz falsch.

 

ZEIT: Hat Sie irgendjemand erkannt?

 

Humpe: Nee! Es war alles ein Trauerspiel. Irgendwann saß ich auf diesem großen Platz und spielte auf einer Parkbank vor mich hin, bis sie quasi die Lichter ausmachten. Ich habe aufgehört, als ich das Gefühl hatte, es wird kalt, obwohl es Hochsommer und gar nicht kalt war. Meine Gitarre habe ich übrigens dort gelassen, ich habe mir dann hier eine neue gekauft.

 

ZEIT: Man kann also sagen: Straßenmusikertraum abgehakt. Gilt das auch für andere Träume?

 

Humpe: Eigentlich nicht. Es geht bei mir um ein Grundgefühl, das nie aufhört: dieses »sich und die Welt immer neu erfinden, neu erleben, neu darstellen«.

 

ZEIT: Haben Sie irgendwann herausgefunden, was Ihnen gut tut und was nicht?

 

Humpe: Das habe ich erst ziemlich spät erkannt. Ich versuche, das immer den jungen Leuten zu sagen: Achtet einfach drauf, was tut mir gut und was nicht. Das ist aber auch nicht einfach, sich auf sich selber zu verlassen. Wo ist eigentlich meine innere Stimme? Erzählt die mir gerade Scheiße? Gelegentlich muss man seiner inneren Stimme auch misstrauen, weil sie einen reinlegen will. So einfach ist es eben nicht.

 

ZEIT: Auf welche Irrwege wollte Sie denn Ihre innere Stimme bringen?

Humpe: Ein Irrweg war zum Beispiel meine Einstellung gegen etwas, was man im Englischen sweetness nennt. Ich fand Liebe oder so eine Art Herzenswärme komplett überflüssig. Das ist doch etwas für Weicheier, wer braucht das denn? Das habe ich in mir selbst total unterdrückt. Ich hielt das für unnötig. Es gab damals auch Leute, auch Freunde, die mir das gesagt haben. Als ich damals in meiner Punkphase geschrien habe, ich brauch dich nicht, will dich nicht, verfick dich. Da meinten eben Freunde, das bist du doch gar nicht. Aber das wollte ich nicht hören.

 

ZEIT: Waren Drogen für Sie auch ein Irrweg?

 

Humpe: Na, ja Irrweg… Ich muss sagen, ab einem gewissen Alter kann jeder das für sich entscheiden. Erst mal kann man festhalten: Drogen verunsichern einen. Gut, manchmal braucht man vielleicht auch eine gewisse Verunsicherung, um aus seinen starren Geschichten herauszukommen. Deswegen bin ich nicht grundsätzlich gegen Drogen.

 

ZEIT: Haben Sie diese Verunsicherung gebraucht?

 

Humpe: Ich kann das nur ehrlich beantworten, und es ist mir jetzt auch egal, ob sich darüber Leute aufregen. Ecstasy hat mein Leben verändert. Ich habe meine erste Ecstasy-Tablette von einem Produzenten in London bekommen. Ich hab das genommen, und ich bin in diese Musik eingetaucht und hatte ein wirkliches Erlebnis, nicht nur mit der Musik, sondern auch mit den Leuten. Das war für mich ein Schlüsselerlebnis, weil ich auf einmal wusste, ich muss sofort aufhören mit diesen depressiven und traurigen Verzweiflungsakten. Heute weiß ich: Das war ein Wendepunkt.

 

ZEIT: Funktioniert das Ecstasy-Prinzip immer noch?

 

Humpe: Nein. Ich kann das heute gar nicht mehr nehmen. Das hat nur am Anfang funktioniert.

 

ZEIT: Sie sind damals 1985 nach England gegangen und haben eine neue berufliche Phase eingeläutet.

 

Humpe: Ich hatte in Deutschland meine ersten Erfolge gehabt, fand die Szene aber damals völlig uninspirierend. Ich hatte 1985 auch schon verstanden, dass ich nicht mehr Madonna werde, hatte die erste Krise mit meiner Schwester Annette und unserer gemeinsamen Arbeit hinter mir. Ich wollte einfach etwas anderes machen, und die Musik in England war einfach viel interessanter.

 

ZEIT: Sie haben in den Londoner Studios unter anderem mit den Pet Shop Boys zusammengearbeitet.

 

Humpe: Ja, Neil Tennant von den Pet Shop Boys hat im Studio ein bisschen an meinem Gesang herumgemeckert. Ich fand ihn bescheuert damals. Aber die Pet Shop Boys waren zum damaligen Zeitpunkt auf dem Karrierehöhepunkt, und ich war halt eine von ungefähr 18, die ein Lied von ihnen covern wollte.

 

ZEIT: Wenn Sie singen: Merken Sie dann, wie es Ihnen geht?

 

Humpe: Na klar. Das geht sogar so weit, dass man sich über das Singen wieder in einen besseren Zustand bringen kann. Da passiert irgendwas Chemisches im Körper. Ich weiß nicht, was es ist, aber die eigenen Emotionen haben eine große Bedeutung für das Singen. Egal, ob man traurig ist, sauer, wütend oder fröhlich, wenn man das in die Stimme legt, klingt jedes Stück zu jeder Stunde anders. Da passiert etwas mit einem …das ist wirklich Glück. Ich kann nur jedem raten zu singen. Singen ist wie eine Beschwörung. Das komplette Gegenteil von Vergiften. Heißt das Entgiften?

 

ZEIT: Frau Humpe, Sie sind derzeit sensationell erfolgreich. Besonders Frauen mögen Ihre Musik und Ihre Texte.

 

Humpe: Ja? Das würde mich irre freuen, denn ich wollte schon immer was für Frauen machen, das sie grundsätzlich stärkt. Das war für mich schon Anfang der achtziger Jahre klar, da gab es überall die Diskussion, was wirklich wichtig ist im Leben, die Liebe, welche Gefühle und so weiter. Ich fand, dass Frauen diesen emotionalen Aspekt zu oft aussparen, sie lassen sich das viel zu sehr immer von Männern diktieren. Ich dachte immer: Da stimmt was nicht. Ich wollte für die Frauen was tun und rieche hundert Meter gegen den Wind, wenn gegen Frauen geschossen wird.

 

ZEIT: Was haben Sie für ein Frauenbild?

 

Humpe: Meine Mutter war tendenziell ein depressiver, kühler Typ, gar nicht mütterlich. Auch meine Großmutter war depressiv. Mit zwei solchen Frauen prallt man als Kind ganz schön ab. Es hat mich viel Zeit gekostet, ein Frauenbild zu entwickeln, ich musste alles komplett erfinden. Ich sag mal was, das sich vielleicht platt anhört. Ich glaube, dass für erwachsene Frauen und auch für Frauen in meinem Alter Sex und Erotik eine Rolle spielen sollen. Dass dies mit Intelligenz zusammenhängt, dass man aber trotzdem auch dumm sein darf und dass das Unperfekte zum Ganzen gehört. Dass auch Widersprüche erlaubt sind und dass man nicht zu dogmatisch gegenüber sich selbst ist.

 

ZEIT: Wie hat sich denn Ihr erotisches Leben mit den Jahren entwickelt?

 

Humpe: Ich verliebe mich sehr schnell, schneller als früher. Ich bin eigentlich andauernd verliebt. Ich könnte mich in einen Briefkasten verlieben, wenn der gerade gut aussieht. Ich mag dieses Gefühl. Und mein Sexleben war mit 20 zwar vielfältig, aber nicht so schön wie heute. Obwohl ich auch diesbezüglich gerade erneut in der pubertären Phase bin (lacht). Da ändert sich bei mir immer wieder was. Sexuelle Gewohnheiten können ja was Schönes sein, aber es gibt auch Momente, da bin ich interessiert, andere Dinge zu erleben. Um es deutlich zu sagen: Es muss nicht immer nur um den Orgasmus gehen.

 

ZEIT: Sie sagten unlängst in einem Interview, es sei albern, wenn man jemanden liebt, aufzuhören, mit anderen Leuten Sex zu haben. Ist es für eine Beziehung nicht sehr anstrengend, das zu leben?

 

Humpe: Das ist anstrengend. Ich bin auch höllisch eifersüchtig, aber ich versuche, damit klarzukommen. Alles andere ist nach meiner Erfahrung Lüge: Man schwört sich ewige Treue und betrügt sich. Das will ich nicht mehr.

 

ZEIT: Sie leben seit einigen Jahren mit Tommi Eckart zusammen. Sie beide sind die Erfolgsband 2Raumwohnung. Ist das gut, wenn man auch zusammen arbeitet?

 

Humpe: Für mich ist das gut. In unserer Wohnung hat jeder sein eigenes Zimmer, wir sind irgendwie eine kleine Wohngemeinschaft. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es wäre, wenn man nicht gemeinsame Arbeit hätte. Ich wüsste gar nicht, was ich mit demjenigen in meiner Freizeit tun würde. Kino gehen, Essen, wieder Kino. Und man muss dauernd was reden. Das fände ich viel anstrengender.

 

ZEIT: Wie verändert der aktuelle Erfolg Ihr Leben?

 

Humpe: Ich genieße den Erfolg. Ich kenne auch andere Zeiten. Was sehr schön gerade ist, sind die Konzerte. Vor Jahren ging kaum mehr jemand zu Konzerten, doch jetzt sind die Säle voll. Die Leute stehen wieder auf das Gemeinschaftsgefühl, man merkt da oben auf der Bühne richtig, wie sie miteinander verschmelzen wollen. Das ist großartig.

 

ZEIT: Gibt es auch Schattenseiten?

 

Humpe: Ich muss auf mein Ego aufpassen. Ich kenne das ganz gut, wenn ich zu viel Aufmerksamkeit bekomme, wird es groß und hässlich. Ich werde sehr unleidlich, werde so generalstabsmäßig. Mein Ego sitzt dann wie ein Monster auf meiner Schulter. Ich kämpfe dann sehr bewusst dagegen an, damit es wieder weggeht.

 

ZEIT: Die Musikbranche gilt als hart und zynisch. Sie machen einen eher unbeschädigten Eindruck.

 

Humpe: Wie nett: »Unbeschädigter Eindruck« wird mein neuer Lieblingsausdruck. Na ja, man muss lernen, anderen Menschen gegenüber Grenzen zu ziehen. Man muss Leute finden, die die eigenen Sachen lieben, und dies muss am besten der Chef einer Firma sein, alles andere bringt nichts. Ich hatte da oft Glück. Heute gibt es diese Chefs kaum mehr, weil sie alle nur noch Manager sind, die Geld verdienen wollen und müssen. Die Entwicklung eines Künstlers ist ihnen völlig egal. Wissen Sie, welcher Manager mich am allermeisten nervt?

 

ZEIT: Nee.

 

Humpe: Dieser Tim Renner, der frühere Chef von Universal. Der arbeitet an seiner eigenen Legende, nach dem Motto: Die deutsche Musik wird nicht mehr gefördert, deshalb verlasse ich den Konzern. Und alle glauben das. In Wirklichkeit ist er rausgeflogen, weil er viele Millionen Euro an die Wand gefahren hat. Ich kenne so viele Musiker, die sich mit ihm im Rechtsstreit befanden, dessen Karrieren er beendet hat. Und gerade der bastelt an seinem Image als Edelmann. Das ist verlogen.

 

ZEIT: Frau Humpe, Sie stammen aus Westfalen, sind in einem Café und einer Konditorei aufgewachsen. Nach der Schule entflohen Sie dem Zuckerguss und kamen 1976 das erste Mal nach Berlin.

 

Humpe: Da ging erst mal das Kämpfen los. Das war hart. Erst mal kein Glück weit und breit, kein Licht.

 

ZEIT: Wie finden Sie Berlin heute?

 

Humpe: Wenn ich nach einer Reise zurück nach Berlin komme, finde ich es immer toll. Ich freu mich so über diese Straßen, da ist schon wieder ein neuer Laden, dort hat einer zugemacht. Alles bewegt sich, alles verändert sich. Um diese Stadt gut zu finden, braucht man einen speziellen Muskel. Ich habe diesen Muskel.

 

Das Gespräch führten Stephan Lebert und Melanie Mohaupt

 

Inga Humpe sang 1983 den Neue-Deutsche-Welle-Hit »Codo … düse im Sauseschritt«, gemeinsam mit ihrer Schwester Annette, Sängerin der Band Ideal. Vor vier Jahren nahm Inga Humpe mit ihrem Freund Tommi Eckart »Wir trafen uns in einem Garten« auf – ursprünglich für einen Werbespot. Es wurde einer der Hits des Jahres 2001. Ihre Band ist heute eine der erfolgreichsten Deutschlands.

Mit freundlicher Genehmigung DIE ZEIT

© DIE ZEIT Nr. 47 vom 11. November 2004

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